In Buchform erschienene Übersetzungen (Auswahl)


Alain Badiou, Der Vorfall bei Antiochien. Tragödie in drei Akten

Das zweite von inzwischen sieben Theaterstücken von Alain Badiou ist auf Französisch erst 2012 erschienen, über zwanzig Jahre nach seiner Entstehung Mitte der achtziger Jahre. Es ist das erste seiner Stücke, das ins Deutsche übersetzt wurde. Badiou nennt es „eines der wichtigsten Werke aus seiner Feder". Er verhandelt darin die Suche nach der Möglichkeit einer politischen Ordnung, die sich von der alten Staatsform löst.

 

Badiou nimmt Paul Claudels Drama Die Stadt als Vorlage und verwendet Motive aus dem Leben und den Schriften des Apostel Paulus. Er verlegt die Handlung in ein demokratisches Land, das sich politisch und wirtschaftlich in der Krise befindet. Es stehen sich drei politische Positionen gegenüber: ein hinfällig gewordenes Parteiensystem, ein nihilistischer Expräsident und eine revolutionäre Gruppierung mit kommunistischen Idealen. Dazwischen zirkuliert die weibliche Hauptfigur, Paula, die das Gesetz des gewaltsamen Umsturzes zu durchbrechen sucht. Doch auf die Revolution folgt Bürgerkrieg und Terror. Paula fragt: Wie macht man eine Politik, die die Politik auflöst?

In dem 1989 vollendeten Stück setzt Alain Badiou seine Philosophie in eine diskursive Form und entwirft das Modell eines politischen und zugleich poetischen Theaters. (Auszug des Klappentexts von C. Popp)

Aus dem Französischen von Corinna Popp, erschienen im Passagen Verlag, Wien, 2013. 


Antoine de Saint-Exupéry, Die Erde der Menschen & Der kleine Prinz

Antoine de Saint-Exupéry nennt seine dritte Buchveröffentlichung, die 1939 erscheint, nach mehrfacher Titeländerung schließlich „Terre des hommes“. Deshalb heißt die Neuübersetzung von Corinna Popp im Marix Verlag „Die Erde der Menschen“, obwohl das Buch in Deutschland nach der ersten deutschen Übersetzung von Henrik Becker von 1940 unter dem Titel "Wind, Sand und Sterne“ bekannt geworden ist.

Für den Berufspiloten und Humanisten Saint-Exupéry ist sein Titel jedoch Programm: Er beginnt mit der Erde in seiner Vorrede als erstem Wort (siehe Buchrücken) und schließt am Ende des letzten Kapitels die Klammer mit dem Menschen. Ein Großteil der acht Kapitel von „Terre des hommes“ war vormals bereits in Zeitungsartikeln veröffentlicht worden; für den essayistischen Roman werden sie vom Autor allerdings sprachlich und formal stark bearbeitet und in Bezug zueinander gesetzt. Die autobiographischen Erlebnisse, die keiner Chronologie folgen, sondern teils assoziativ, teils nach Themen angeordnet sind, reichen zurück bis ins Jahr 1926, in dem Saint-Exupéry als Linienpilot zu arbeiten beginnt. 

„Die Erde der Menschen“ ist im Februar 2015 in einem Band mit Der kleine Prinz" im marix Verlag erschienen. 

 Die Übersetzung „Die Erde der Menschen“ von Corinna Popp wurde mit dem Hamburger Übersetzerpreis 2015 ausgezeichnet. 

 


Alain Badiou, Rhapsodie für das Theater. Kurze philosophische Abhandlung

DieRhapsodie", Badiou zentrale philosophische Abhandlung zum Theater, ist im Kontext seines dramatischen Schaffens der 1980er Jahre entstanden. 

Er entwickelt hier ein regelrechtes „Theatersystem": Mit gewohntem Scharfsinn untersucht Badiou in 89 aphoristischen Kapiteln, aus welchen Bestandteilen sich das Theater, diese Kriegsmaschine gegen die Faulheit", zusammensetzt. Er vergleicht die gesellschaftliche Wirkungskraft des Theaters mit der des Kinos, befragt seine Verankerung im Staat und analysiert die Analogien zwischen Theater und Politik. Gegenüber der traditionellen philosophischen Antihaltung zur darstellenden Kunst verteidigt er die meistgehasste unter allen Künsten" als Unternehmen zur Befragung der Wahrheit". Er verweist dabei immer wieder auf den ihm seit 1984 verbundenen Regisseur Antoine Vitez.

Die Rhapsodie erschien auf Französisch zum ersten Mal 1990 und wurde 2014, versehen mit einem neuen Vorwort von Badiou ("Glanz des Theaters in finsteren Zeiten"), neu aufgelegt. 2015 erschien die Übersetzung von Corinna Popp im Passagen Verlag Wien. 

Besprechung in der Süddeutschen Zeitung am 16.2.2016 von Michael Stallknecht. 


Jérôme Meizoz, Den Jungen machen (Schweizer Literaturpreis 2018)

Man kann „Faire le garçon“ als eine zeitgenössische „Erziehung der Gefühle“ sehen, die Geschichten der Identitätssuche einer männlichen Hauptfigur (oder sind es zwei?), erzählt in der dritten Person. Die Grundaussage wird schon im Titel angekündigt, in Anlehnung an Simone de Beauvoir: Ein Junge wird nicht als Junge geboren, sondern zum Jungen gemacht. Der Autor nennt seinen Roman eine Antwort auf Virginie Despentes Schlussfrage in ihrem Buch „King Kong Theorie“: Warum die Männer, die „so geschwätzig sind, wenn es darum geht, sich über Frauen auszulassen, so still werden, wenn es um sie selbst geht?“In „Faire le garçon“ werden abwechselnd zwei Geschichten erzählt. In den dreißig ungeraden Kapiteln, die mit Enquête, „Recherche“, überschrieben sind, geht es um den Jungen, der früh seine Mutter verliert. Es ist eine Kindheitserinnerung in einem katholischen Milieu der 70er Jahre, eine Kindheit auf dem Dorf. Dem Kind werden gesellschaftliche Verhaltensweisen antrainiert, männliche Attribute zugeordnet, die es nur langsam hinterfragen lernt.Die Hauptfigur der dreißig geraden Kapitel unter der Überschrift „Roman“ bleibt ebenfalls namenlos, bricht jedoch radikal mit den Regeln der guten Gesellschaft, mit dem, was diese einem Mann als Eigenschaften und Ziele nahelegt. Die Geschichte beginnt, als die Hauptfigur zwanzig ist und aus dem Wunsch nach finanzieller Unabhängigkeit heraus die Entscheidung trifft, sich zu prostituieren. Alles, nur nicht wie der Großvater sein Leben in der Fabrik zubringen. Anstatt zum Ehemann und Familienvater wird er zum Vertrauten vieler Frauen, die zu ihm kommen und ihm ihr Leben und ihre Geheimnisse erzählen. „Faire le garçon“ liest sich wie eine Mischung aus soziologischer Studie, autobiographischer Erzählung und Inititationsroman. Es ist ein formal ungewöhnlicher Roman, poetisch und politisch brisant zugleich, über die Erziehung zum Mann, der die gesellschaftlichen Geschlechterrollen hinterfragt - vor vierzig Jahren, als der Junge ein kleiner Junge war, und dann heute, im Jahr 2018. (Text von Corinna Popp)

Deutsche Übersetzung von Corinna Popp. Erschienen im Elster Verlag Zürich, Februar 2018, 130 Seiten.